Startseite   Home   Chronik   Gelbe Hefte   zurück
 

Heft 19: Kapitel 21
Die Ära Schindler


Eine Dokumentation von Herrn Hans Hölscher 


Karl Käse, gebürtig aus Kirchbrak, zuletzt in Kemnade wohnhaft, berichtet aus der Geschichte des Othmerschen Hofes:

Alles, was ich über die Familie Schindler weiß, stammt aus Erzählungen meines Vaters, der bei Schindlers in Dienst stand. In dem schönen, großen Haus, in welchem Karl und Gustav Müller jetzt wohnen, regierte und lebte Schindler wie ein englischer Lord. Er ging auch gekleidet wie ein reicher Engländer, dunkles Jackett, gestreifte Hose, dazu ein steifer Hut, Melone genannt. Er fuhr oft aus geschäftlichen Gründen nach England, da er aus der ganzen Umgebung Kirchbraks das handgewebte Leinen aufkaufte und es dann in Planwagen nach Bremen und von dort aus per Schiff nach England transportieren ließ. Da wurde es zu englisch Kattun verarbeitet und danach in den Kolonien verkauft. Daher sein Vermögen und sein aufwendiger Lebenswandel.

Einmal in der Woche ließ er sich im schwarzen Landauer nach Hameln oder Pyrmont ins Hotel fahren. Dort wurde herrschaftlich gegessen, auch der Kutscher, mein Vater, konnte bestellen, was er gern mochte. Noch konnte er sich das alles leisten, doch die technische Entwicklung warf schon ihre Schatten voraus.

Als die mechanischen Webstuhle aufkamen, lief die Zeit der Heimweberei aus und damit auch das gute Geschäft des Herrn Schindler. Zunächst betrieb er mit seinem großen Fuhrpark noch den Stückgutverkehr nach Hameln, Holzminden und Alfeld. Als aber 19oo die Geschäfte immer schlechter gingen, weil jetzt die Vorwohle-Emmerthaler Bahn ihren Betrieb aufnahm, wurde der größte Teil der Gespanne abgeschafft, und es blieb nur noch eine Getreide- und Futtermittelhandlung nebst einem Steinbruch (später Gömann).

In den letzten Jahren war kaum noch Bargeld vorhanden. Die Löhne wurden nur noch mit Schuldscheinen gezahlt. Aus dieser Zeit noch eine Geschichte, die den alten Kirchbrakern sicher bekannt ist. Als wieder einmal, wie so oft, kein Geld mehr im Hause war, schickte Schindler ein Gespann mit Kartoffeln zum Verkauf nach Polle. Spät in der Nacht, beschwingt durch reichlichen Genuß von Alkohol, kamen die Fuhrleute zurück und stellten sich vorm Hause auf. Auf die bange Frage des Herrn Schindler, wo denn das Geld sei, erhielt er frei nach dem Gesangbuchlied Nr.151 die folgende Antwort:

"Liebster Schindler, wir sind hier! Die Kartoffeln sind in Polle. Das Geld ist alle!" (Dies Histörchen ist bezeichnend dafür, wie es in den letzten Jahren in dem Schindlerschen Hause zuging.)

19o5 wurde der Hof und sein einst so stattliches Besitztum zwangsversteigert. In Hamein besaß Schindler noch eine Villa. Dort hin zog er mit seiner Familie. Bald, nachdem auch diese Villa verkauft werden mußte, ist die Familie bis auf eine Tochter kurz hintereinander verstorben. Vor seinem Weggang hatte Herr Schindler noch meinem Vater den Auftrag gegeben, die Räume noch mal durchzusehen und das Zurückgelassene im Garten zu verbrennen. Darunter waren auch die alten Geschäftsbücher mit Lederrücken, die nicht brennen wollten und noch lange herumlagen.