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Heft 18: Kapitel 9
Als der Peipenpost noch plätscherte (1800)


Eine Dokumentation von Herrn Hans Hölscher 


An die 200 Jahre ruhte sie in der Erde. Wer sollte schon an sie denken und warum auch ? Längst war sie in den Ruhestand getreten, die alte hölzerne Wasserleitung in Kirchbrak. Aber die wohlverdiente Ruhe war ihr nicht vergönnt. Unbarmherzig und ganz pietätlos wurde sie von dem großen Bagger der Firma Giesemann, Grave, aus ihrer Ruhe aufgestört und ans Tageslicht gebracht. Die Kanalisation in Kirchbrak ging ihrer Vollendung entgegen, und die letzten Rohrleitungen wurden gelegt. Bei Beginn der Arbeiten war den "Giesemännerns" vom Schulmeister gesagt worden: "Paßt mir auf die alte Wasserleitung auf !" Und schon am nächsten Tag kam "Otto vom Stein" (von Ottenstein) mit einer erfreulichen Nachrist: "Wir haben sie, die alten Wasserleitung."

Die Holzröhren vom PeipenpostDa lagen sie nun, die alten Holzrohre. Fein säuberlich und fachgerecht waren zwei Stücke aus der alten Leitung herausgetrennt, dazu eine eiserne Muffe, die das Verbindungsstück bildete und zwei eiserne Ringe, die die Rohre zusammenhielten. Ein paar Flaschen Bier waren als Gegenleistung wohlverdient. Einige Neugierige hatten sich auch gleich eingefunden und gaben ihre mehr oder weniger fachmännische Meinung kund. Einer tippte auf Eichen-, oder andere auf Buchenholz. Die letztere traf zu. Als frische, grüne Stämme, mit glühenden Eisen durchbohrt, waren sie in etwa 1.50 m Tiefe verlegt worden. Über das Alter der Leitung gingen aber die Meinungen ziemlich auseinander. Ein telefonischer Anruf bei Herrn Udo von Grone in Wienhausen klärte auch das?

"Mein Großvater oder gar Urgroßvater hat zu Anfang des 19. Jahrhunderts die Leitung legen lassen, um das Vieh der Gutshöfe besser mit Wasser versorgen zu können. (Ober- und Unterhof) Sie fing da, wo heute der Spritzenteich ist, (gegenüber Weikes ehem. Konsum) das Bachwasser, das von Heinrichshagen und Breitenkamp kommt, auf und leitete es an Loges Hof vorbei über den Oberhof uuf den Unterhof. Dort sprudelte das Wasser, das nicht zum Tränken gebraucht wurde, aus einem kleinen Teich mit einer Fontäne heraus."

Und der alte Onkel Karl Klünker fing an to snaken vom äolen Peipenpost: "An Loges Ecke war die Leitung angezapft, und das Wasser lief durch die "Peipen" in einen großen steinernen Tränketrog. Dat was de Peipenpost." Da holten sich viele Kirchbraker ihr Wasser. Im ganzen Dorf gab es nur vier bis fünf Brunnen, aus denen das Wasser mühsam hochgeholt werden mußte. Das Wasser vom Peipenpost war wunderbar weich. Zum Waschen wurde das Wasser nur von dort geholt. Wenn es "Vizebohnen" gab, mußte die Frau das Wasser unbedingt vom Peipenpost holen. Dort gab es auch oft etwas Neues zu hören. Kaum klapperte draußen ein Eimer, ließ es die alte Nachbarin nicht ruhen. Rasch griff sie zu irgend einem Gefäß und dann nichts wie hinaus. Längst war der Eimer voll, munter lief das Wasser über; man hatte damals eben noch mehr Zeit als heute, und außerdem kostete es kein sündhaft teures Wassergeld wie jetzt. War das Plätschern dann noch mal zu störend, hielt die Nachbarin einfach mit dem Daumen die Röhre zu, und dann dauerte das Schwätzchen noch so lange, bis der Daumen müde wurde.

Mittags und abends, wenn die Ochsengespanne des v. Groneschen Gutes vom Felde heimkamen, waren sie kaum zu halten, so sehr drängten die Tiere zum Peipenpost, um zu saufen. Es waren mächtig schwere Tiere auf kurzen Beinen mit dem Joch vor der Stirn. Fünf Joch Ochsen, also 10 Stück, hatte damals das Gut. Vor dem Einlauf in die Leitung bildete das Wasser einen "Pump". Um ihn vor grober Verschmutzung zu bewahren, war er mit einem Zaum umgeben. Eine Tür, mit einem Schloß versehen, verwehrte den Zutritt.

Die Mädchen schauten oft durch den Zaun auf die spiegelnde, geheimnisvolle Wasserfläche. Also stimmte es doch, was die Großen erzählten. Hier holte also die Hebamme, Frau Schomburg, die kleinen Kinder heraus. Sie wohnte ja gleich gegenüber. Wenn man genau hinsah, konnte man die kleinen Gesichter auf dem Grunde sehen. Deshalb hing auch das Schloß an der Tür. Der Peipenpost war auch im Winter der Freund der Kinder. Bei Frost fror überlaufendes Wasser zur schönsten Schurrbahn. Die brachte oft Schelte ein, wenn wir das Nachhausekommen vergaßen.

Er hatte aber auch seine Schattenseiten, der gute alte Peipenpost. Schließlich war es immerhin Bachwasser, das vorher durch Breitenkamp und Heinrichshagen geflossen war. Es war ursprünglich nur für das Vieh gedacht, aber später war man immer mehr dazu übergegangen, es auch als Koch- und Trinkwasser zu benutzen. Das konnte auf die Dauer kaum gutgehen. Zu Anfang der 90-er Jahre trat der Typhus seuchenartig in Kirchbrak auf. An die 60 Fälle wurden zu gleicher Zeit gezählt, 11 davon endeten tödlich. Da griff die Herzogliche Kreisverwaltung in Holzminden ein. Das Ergebnis war, daß kurz vor der Jahrhundertwende eine neue Wasserleitung gelegt wurde. Am Ausgang des Dorfes nach Breitenkamp wurde ein Sammelbehälter gebaut, der ein gutes weiches Wasser lieferte. Aus diesem Grunde ist bis vor Jahren diese alte Wasserleitung noch an einzelnen Stellen des Dorfes in Betrieb gewesen. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte erwies sich aber die Wassermenge als zu gering. Deshalb wurde noch vor dem Zweiten Weltkrieg Kirchbrak an das Gruppenwasserwerk Ithbörde angeschlossen. Damit bekam kirchbrak schon seine dritte Wasserleitung.

Aber wenn es Vizebohnen gab, wurde das Wasser doch aus den wenigen noch verbliebenen Zapfstellen der alten Leitung geholt. So sind die paar alte Holzrohre der Anlaß dafür geworden, daß ein Stück Kirchbraker Geschichte wieder lebendig geworden ist.