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Heft 18: Kapitel 7
Von Sorgen und schlaflosen Nächten eines Kirchbraker Schultmeisters (1773)


Eine Dokumentation von Herrn Hans Hölscher 


Daß ein Schulmeister vor 200 Jahren außer seinen Mühen und Plagen mit den Schulkindern auch noch andere Sorgen hatte, kann man an Hand alter Pfarrakten feststellen.

Der Schulmeister August Adolph Dormeyer in Kirchbrak hatte während seiner Dienstzeit von 1736 bis 1784 laut Kirchenbuch täglich 120 Kinder betreut und dazu auch noch 4 "Frauens" gehabt. Dazu kam die Sorge um das tägliche Brot. Nur allzusehr hing sein kärglicher Verdienst, der zum großen Teil aus Naturalien bestand, vom Wohlwollen seiner Gemeinde ab. So waren viele Schulmeister gezwungen, ihre finanzielle Lage durch Nebenverdienste zu verbessern.

Es standen ihm aber noch andere unangenehme Pflichten ins Haus. Da er auch den Küsterdienst in der Kirche verrichtete, mußte er die Abendsmahlsgeräte in seinem Haus aufbewahren. Das waren:

1. ein großer silberner vergoldeter Kelch
2. ein kleiner silberner Kelch
3. eine silberne Oblatendose
4. ein silberner vergoldeter Oblatenteller
5. ein kleiner Oblatenteller
6. eine silberne vergoldete Weinkanne
7. eine gläserne Weinflasche zum Weinholen
8. ein kleiner gelber metallener Löffel, "womit man aus dem Kelche Unreinigkeiten und hineingefallene Fliegen herausnehmen kann."

Auf Hygiene ist man damals auch bedacht gewesen, denn es konnte Ehrwürden nicht zugemutet werden, mit den Fingern im Kelch nach hineingefallenen Fliegen zu fischen. Warum aber wurden diese kostbaren Geräte in der Schule aufbewahrt ? Ein Schreiben des Pastors Körber (1767-1768) gibt die Antwort:

"Es ist kein Behältnis in der hiesigen Kirche, darin man diese Sachen von Werth mit Sicherheit aufbewahren könnte. Wollte ich solche zu mir ins Haus nehmen, so würde ich dieselben der größten Gefahr aussetzen. Mein Haus liegt von anderen entfernt. Es ist solches durch sein 200jähriges Alter sehr baufällig geworden. Es ist dasselbige nur von mir, meiner Frau, einem eineinhalbjährigen Kind und der schwachen Dienstmagt bewohnt. Es würde unverantwortlich sein, die pretiosa (Wertgegenstände) sicher zu wollen, wo sie am leichtesten könnten geraubet werden. Ja, es ist gut gewesen, daß ich die Sachen niemals auf der Pfarre habe annehmen wollen, sonst wären solche auch gewiß in der Nacht vom 3. bis 4. März 1772 mit weggestohlen worden. Ich wurde in der gedachten Nacht durch einen gewaltsamen Einbruch beraubet. Es haben die Diebe vorzüglich die Vasa sacra, die Altargeräthe, das Kirchen- und das Armengeld bei mir gesuchet. Ich verlor alles, was in der Stube war. Die Umstände werden mich entschuldigen, daß ich dergleichen pretiosa nie aufnehme. Der Schulmeister hieselbst klagt auch über die Unsicherheit seines Hauses. Obgleich es ungleich neuer ist als das meinige, so ist es doch abgelegen und wird nur von dem Schulmeister, seiner Frau und einer Magt bewohnt. Der Schulmeister nun dringet in mich, ihm diese Ursache seiner Sorge und angstvollen Nächte abzunehmen. Das einzige Mittel, wodurch man die gedachte Sache vor dem Raube sichern und dem Schulmeister seine lange ertragene Angst abnehmen könnte, wäre, daß Hochfürstliches Conistorium gnädigst erlaubte, daß ein starker, mit Eisen beschlagener Kasten auf Kosten der Kirche gemacht und in die Kirche gesetzt, darin man diese Sachen einschlösse."

Das hat dann das Konsistorium in Wolfenbüttel gnädigst bewilligt, und der Kasten wurde in der Kirche mit zwei Schrauben an der Mauer befestigt. Nun konnten der Schulmeister Dormeyer und der Pastor Körber sorglos den Schlaf des Gerechten schlafen. Der eisenbeschlagene Kasten aber steht heute noch hinten in der Kirche unter der Treppe zur Bauerprieche, ein gutes Stück Handwerkerabeit unserer Vorfahren.