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Heft 18: Kapitel 5
Eine alte Kirchstuhlordnung (1728)


Eine Dokumentation von Herrn Hans Hölscher 


Das waren noch andere Zeiten, als vor langen Jahren der Pastor Bernhard Sartorius (Name latinisiert = Schneider) eine genau geregelte Sitzordnung der Kirchbraker Kirche aufstellte. Zwar bevorzugen auch heute noch einige Kirchenbesucher bestimmte Plätze, aber eine eigentliche Sitzordnung gibt es nicht mehr, wenn man davon absieht, daß die beiden Priechen (Emporen) den adeligen Gütern vorbehalten sind. Wenn aber mal Not am Mann ist, (bei Konfirmationen oder beim Krippenspiel), stehen sie auch den anderen Kirchenbesuchern zur Verfügung.

Ermahnung des Pastors an seine SchäfleinGanz anders sah es aber um 1728 aus. Da saßen Männer und Frauen getrennt, und jeder hatte, namentlich festgelegt, seinen besonderen Platz. Den Männern war der Chorraum mit 38 Sitzen, fünf Reihen auf der Bauernprieche (Empore hinten) mit etwa 40 Sitzen, und drei Reihen unter der Bauernprieche mit 27 Sitzen vorbehalten. Im Chorraum rechts in der ersten Reihe saßen der Pastor und daneben die Schulmeister von Kirchbrak und von Breitenkamp, dazu zwei Altaristen (Kirchenvorsteher). Damals wurde der Chorraum noch für die Sitzplätze gebraucht. Er bot für 38 Personen Platz. Daran schloß sich das Kirchenschiff mit den Plätzen rechts und links für die Frauen, den "Frauensständen" an. Dazu schreibt der Pastor: "Nun kommen wir an die Frauensstände, die also unterschieden werden, daß sie entweder Erb- oder Wechselstände sind. Die Erbstände gehören zu den Güthern, zu jedem Guthe ein Stand. (Auch die Männerstände waren Erbstände). Die Wechselstände sind von gewissen Personen mit 12 mg(Mariengroschen) ad dies vitae (bis Lebensende) beweinkaufet" (Abschluß eines Vertrages, der mit einem Trunk Wein bekräftigt wurde). Mit 3 Mariengroschen konnte ein Stand auch für 1 Jahr beweinkauft werden. Auch die Häuslinge (Mieter) und andere Besitzlose mußten sich einen Wechselstand zulegen.

Die Bauernprieche hatte 5 Sitzreihen, von denen die ersten 3 Erbstände waren, während die 2 letzten für die Knechte und die jungen Burschen vorgesehen waren. Der letzte Stand im Kirchenschiff links war den Armen vorbehalten. Die beiden vorderen Reihen der Frauenstände rechts im Kirchenschiff gehörten erblich an das Haus Westerbrak "und sind dieselben von der Kirche dahingegeben worden aus Erkenntlichkeit, weil der Hochwohlgeborene Herr Geheime Legationsrat v.Grone bey der Reparation der Kirche die neue Canzel und einen Taufengel darin verehrt hat." In der ersten Reihe links im Kirchenschiff hatte die Pastorenwitwe ihren Platz und dazu die beiden "Schulmeisterschen" von Kirchbrak und Breitenkamp. Betreffs der Pastorenwitwe fügt Pastor Sartorius hinzu:

"Endlich ist übrig der vorn in der Kirche gleich zur linken Hand erbauete und mit einem Schlosse und Gitter versehene Stuhl, der gehört an die Pfarre für die Frau Pastorin. Sollte aber nächst diesem hier eine Predigerwitwe vorfallen, so hat es nicht die Meinung, als wenn dieselbe ihre bisher gehabte Possession in dem Stuhle aufgeben, sich dessen äußern und linker Hand in den Stuhl Nr. 1 sich begeben solle, mit nichten, denn dadurch würde ihre bekümmerte Seele aufs neue gekränket, sondern sie, die Witwe, soll ihre bisher gehabte Stelle in solchem Stuhle bis an ihr Ende ungekränket behalten, und wird verhoffentlich der Herr Novitius (der neue Pastor) die Seinigen bedeuten und nach dem principio: quod tibi et tuis non vis fieri, alteri ne feceris (Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu) nimmermehr zugeben, daß eine Predigerwitwe in diesem Stücke Tort (Verdruß) geschehe."

Aus der namentlichen Aufzählung der Inhaber der Erb- und Wechselstände läßt sich etwa auf die Anzahl der Gemeindeglieder schließen. Es werden ungefähr 90 erwachsene Männer und 110 Frauen gewesen sein (vom gesamten Kirchspiel Kirchbrak,Westerbrak,Buchhagen,Breitenkamp und Heinrichshagen.) Kinder sind in der Kirchstuhlordnung nicht aufgeführt. Zum Schluß gibt der Pastor Sortorius seinen Schäflein noch eine handfeste Ermahnung mit auf den Weg:

"Schließlich ist noch zu merken, daß bey der Austheilung der Stände allen und jedem, sowohl Manns- als Frauenspersonen, ernstlich injurgiret (auferlegt), also auch von allen beliebet werden möge, daß im Kommen zur Kirche keiner vor dem andern herkriechen, sondern, wie ein jeder kommt und folglich pele mele oder durcheinander sitzen. Wenn jemand aus Hochmut dawider handeln und den Vorsitz vor anderen seinesgleichen prätendieren (beanspruchen) sollte, so ist er billig deswegen zu bestrafen, damit den Unordnungen und ärgerlichen Disputen, so insgemein deswegen entstehen, bey Zeiten vorgebeugt werde."

Solche Ermahnungen haben die Pastoren bei dem heutigen mäßigeren Kirchenbesuch sicher nicht mehr nötig.