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Heft 18: Kapitel 4
Der Tuchtfelder Ziegenkrieg (1688)


Eine Dokumentation von Herrn Hans Hölscher 


Der Wald spielte im Leben unserer Vorfahren eine wichtige Rolle. Außer Bauholz, Brennholz, Laubstreu und vielerlei Waldfrüchten lieferte er auch Weide für das Vieh. Allerdings regelten Verordnungen die Nutzung des Waldes, denn das Weiden des Viehes konnte auch beträchtlichen Schaden am natürlichen Nachwuchs des Baumbestandes anrichten, weil das Vieh jedes nur erreichbare Grüne abweidete.

Nun kam laut alter Akten ein Teil der Einwohner des Dorfes Tuchtfeld auf den Gedanken, ihre Ziegen auf
Der Tuchtfelder Ziegenkriegdem Niederen Berg weiden zu lassen und das, wie der Chronist vermeldet, "in fast großer Anzahl." Die Eigentümer scheuten sich auch nicht "ein paar bedrohliche Worte vernehmen zu lassen, wenn ihnen jemand ferner in ihrem Vorhaben mit Aufziehung der Ziegen hinderlich sey."

Aber gerade Ziegen verschonen keinen jungen Trieb, und deshalb war der andere Teil der Einwohner Tuchtfelds, der an der Holznutzung beteiligt und am ungestörtem Wuchs des Holzes interessiert war, mit dieser Ziegenhude nicht einverstanden. Sie beschwerten sich an der zuständigen Stelle, in diesem Falle bei "ihrem Guths- und vorangeführten Berg-Eigenthumsherren Herrn Schatzrath v. Grone auf Westerbrak." Die Folge davon war, daß einige Zeit später eine Anzahl von Ziegen auf dem Niederen Berg ertappt, vom Pfänder vereinnahmt, und nach Kirchbrak in den Oberen Krug (Jütte), der dem Schatzrath v.Grone gehörte, gebracht wurde. Was dann weiter geschah, soll nun wörtlich zitiert werden:

"Inmittels diejenigen, welche für die Ziegen zuständig, bey nachtschlafender Zeit zugefahren, eine vorher unversehrte gantze Wand im Kruge daselbst herausgebrochen, die Ziegen dahinaus practiziret, über ein paar Zäune hinüber getragen und also die rechtmäßig geschehene Pfändung violiret (verletzt) und die Pfande unverantwortlicher Weyse abhanden gebracht."

Das ließen sich aber weder die Ziegengegner noch der Schatzrath gefallen. Bereits am nächsten Tage wurden die abstinaten (hartnäckigen) Ziegenverfechter und Ziegengegner nach Westerbrak zitiert. Wie der Chronist schreibt, haben "die obstinaten Ziegenverfechter alsbald erkanndt, daß sie zuviel gethan und der Herr Schatzrath es so hoch nicht empfinden solle, sie wollten sich demnächsten besser vorsehen." Dabei scheint etwas fraglich zu sein, wie sie es meinten. Die ganze Angelegenheit fand ihren Abschluß darin, daß sich die Angeklagten verpflichteten,

1. Die Ziegen wieder in den Pfänderstall nach Kirchbrak zurückzubringen,
2. die herausgebrochene Wand im Krug wieder herzurichten,
3. was bei Gelegenheit der Pfändung an Schnaps vertrunken, zu bezahlen,
4. alle Ziegen von dato an alsbald abzuschaffen und deren keine niemahlen in ihrem Dorfe oder gemeiner Hude zu hegen.

Ein späterer Eintrag besagt, daß die Wiedereinbringung der Ziegen in den Pfänderstall und die Bezahlung des Schnapses geschehen sei.

Ein poetisch begabter Einwohner Kirchbraks hat dazu das folgende Gedicht verfaßt:

"Vor 300 Jahre schaffte sich mancher Mann zum Lebensunterhalt ein paar Zeigen an, um diese in Tuchtfelds Wäldern zu hüten. Das ließen sich die Bauern nicht bieten. Sie beklagten sich beim Schatzrat v.Grone, damit er sie von diesem Unheil verschone. Dieser, ganz außer sich und sehr empört, meint, daß so etwas sich nicht gehört. Eines Tages wurden die Hirten ertappt, und Zicke und Bock vom Pfänder geschnappt. Der ums Schimpfen sich garnicht schert, hat die Ziegen im Oberen Krug eingesperrt. Die Ziegenbauern kamen nachts angekrochen und haben ne ganze Wand herausgebrochen. Sie verließen fluchtartig Stall und Scheune, sprangen samt Ziegen über etliche Zäune. Dies hat der Schatzrat nicht verdaut, daß man ihm die Pfänder klaut. Als der nächste Morgen tagt, wurden die Spitzbuben angeklagt. Da sie ihre Untat eingesehen, gelobten sie, es solle nie wieder geschehen. Sie mußten auch noch die Wand reparieren u. die Viecher wieder zurück transportieren. Nach all diesen erlittenen Qualen mußten sie auch den Pfänderschluck bezahlen. Man wollte halt keine Ziegen auf der Hude, sondern die Viecher eingesperrt in der Bude.
Die Moral von der Geschicht: Kannst du ne Ziege füttern oder nicht?
So wie ich ihn kenne, den Chronist, hat er sich amüsiert über soviel Ziegenmist.
Rudi Mönkemeier