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Heft 18: Kapitel 3
Der Segen des Herrn macht reich ohne Mühe (1683)


Eine Dokumentation von Herrn Hans Hölscher 


Im Lenntal hat es von je her nicht so viel Hausinschriften gegeben. Der Ertrag der oft steinigen Hänge war gering, und der harte Kampf um das Dasein ließ wenig Zeit für die Ausgestaltung und den Schmuck ihrer Häuser. Von den wenigen Kirchbraker Hausinschriften weicht eine von den sonst üblichen ab. Am Haus Lehnstr. Nr. 9 (Sterker) kann man sie, da sie jetzt übermalt ist, nur schlecht erkennen. Sie lautet:

"DIES HAUS IST NICHT AUS DER VON GROHNE IHREM HOLTZ ERBAVET WORDEN SONDERN JACOB MEYER UND CATHARINA CASTENS ANNO 1683 ZUM BUCHAGEN LASSEN VERFERTIGEN DER SEGEN DES HERRN MACHT REICH ONE MÜE"

Der Segen des Herrn macht reich ohne MüheDieser eigenartige Spruch gibt zum Nachdenken Anlaß. Der Einblick in alte Forstakten ermöglichte es, die Zusammenhänge, die die Inschrift veranlaßten, zu klären. Ein Stück Geschichte unserer Vorfahren wurde nun lebendig.

Im Januar des Jahres 1685 wurde im Kloster Amelungsborn der Einwohner zu Kirchbrak Jacob Meyer mit fünf Talern Strafe und einem Tag und einer Nacht Gefängnis bestraft, weil er ohne Erlaubnis oder Anweisung im Groneschen Forst am Vogler drei Eichen gefällt und zu Balken in seinem Haus verwendet hatte. Aus dem Vernehmungsprotokoll:

"Nos: (Wir) haben Jacob Meyer vorgehalten, wasgestalt also geklagter maßen er den von Grone aus der von Grone Höltzung am Vogeler 3 Eichen weg und nach seinem Hause zu Balken über dei Stuben angefahren, und begehrt Herr Kläger (Schatzrat v.Grone, Westerbrak) dafür die Bezahlung als 9 Thlr."

Ille: (Jener) habe das Holtz nötig gehabt, da Herr Ecbrecht von Grone, Obristleutnant, nicht zu Hause gewesen, und die andern nicht ausweisen wollten; wäre überdem sehr unvermögend und abgebrandt; wüßte nicht, wo die Bezahlung herzunehmen; so müßten sie auch die Eichen pflantzen."

Nos: Das möcht ihn nicht entschuldigen, soll den Baum a 1 1/2 Thlr. und also für die drei Stämme insgesambt 5 Thlr. innerhalb 8 Wochen sub poena excutionis (bei Strafe der Vollstreckung) zahlen, und 1 Tag und Nacht zur Strafe mit dem Gefängnis büßen, so auch alsofort exequiert (duchgeführt) worden."

Es kam nicht häufig vor, daß ein Forstvergehen in einer Verhandlung des Gerichts in Amelungsborn bestraft wurde. Normalerweise wurden diese Vergehen, Forstwrogen genannt, vom Amt Wickensen geahndet. Offenbar ging es in dem Fall Jacob Meyer um einen verbissen durchgeführten Kampf um alte Rechte auf der einen und Besitzansprüche der Grundherren auf der anderen Seite. Nur an den sogenannten Holztagen war den Bauern des Betreten der adligen Holzungen gestattet. In einem Forstwrogenbericht derer von Grone ist der folgende Bericht aufschlußreich:

"Henrich Warnecke aus Kirchbrak ist am 1.Xbris (Dezember), welcher ein Montag war, im Holze von den Junker von Grone zu Kirchbrak angetroffen, und als er von demselben angeredet, warumb er sich heute im Holze finden ließe, und daß er deswegen ein Pfand nehmen wollte, hat Verbrecher Henrich Warnecke darauff repliziert: (geantwortet) "Er hätte kein Holtz im Hause, könnte ohne Holtz nicht seyn, könnte und wollte die Holtztage nicht observieren, wollte sich auch von ihm nicht pfänden lassen, es sollte sich auch einmahl einer von ihm ein Pfand zu nehmen anmaßen. Worüber der Förster von Westerbrak dazu gekommen und ihm die Axt, welche auf ihren Wagen gesteckt, wegzunehmen sich bemühet. Da er solches aber inne worden, ist er zugefallen und das Pfand ihm wieder aus den Händen gerissen, diese Worte dabey redend: Bliefet mek vom lyfe, oder et schall nie gaut thauen, ek kann up öre Holtzdage wahren. Endlich aber mußte er nolens volens (wider Willen) den Zaun von einem Pferde zum Pfande weg nehmen geschehen lassen und zugeben."

Es ist wohl kaum anzunehmen, daß der Spruch "Der Segen des Herrn macht reich ohne Mühe" einer gläubigen Einstellung des Jacob Meyer entsprach, sondern eher eine Betrachtung über die Verteilung der Güter in dieser irdischenWelt.