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Heft 18: Kapitel 2
Ergreifen und besitzen (1610)


Eine Dokumentation von Herrn Hans Hölscher 


Die Gebrüder Grimm, bekannt als die Sammler und Herausgeber der Kinder- und Hausmärchen, sind die Begründer der deutschen Sprach- u. Altertumskunde. Der ältere der beiden, Jacob Grimm, hat in seinem Werk "Deutsche Rechtsalterthümer" Quellen erschlossen, aus denen wir den Sinngehalt unserer Sprache wieder erkennen können. Wieviel näher war man damals noch der ursprünglichen Bedeutung, wenn man bei Antritt einer Erbschaft einen Span aus dem Türpflosten schnitt, die Tür hin und her bewegte, den Kesselhaken berührte, sich auf einen Stuhl setzte und auf dem Acker einen Klumpen Erde ergriff.

Am 29. Januar 1610 war der edle und ehrenfeste Junker Simon von Grone vom Oberhof in Kirchbrak nach 5-jähriger Ehe im Alter von 24 Jahren gestorben. So traurig das für die Witwe, eine geborene von Wechsungen, war, so wurde sie doch wohl durch das Testament des Junkers einigermaßen getröstet. Ihr von dieser Welt so früh abberufene Ehemann hatte ihr alle seine "Hab-, Erb- und Pachtgüter, wären sie belegen, wo sie wollten, zu rechten und wahren Besitz vererbet." Diese an sich alltägliche Tatsache wird aber für uns interessant, wenn wir in dem alten Schriftstück lesen, daß bereits zwei Tage später der Advokat David Koch aus Einbeck vor dem Tor des adligen Gutshofes(Oberhof) erschien und im wahren Sinne des Wortes die Besitzergreifung des Erbes im Namen der Witwe von Grone vornahm. Der folgende Text ist wortgetreu, aber der heutigen Schreibweise entsprechend wiedergegeben.

"Und hat demnach gemeldeter David Koch also bald nach geschehener Bezeigung und Vorlesung obinserierter Vollmacht daselbst vor dem kleinen Tor einen Span aus dem Torständer geschnitten und dann selbiges Tor auf- und zugetan und von daferner in das gewöhnliche Wohnhaus des adligen Sitzes gegangen und daselbst nach gleicher Auf- und Zutuung derselben Haustür und Ergreifung des an der Tür sitzenden Einwurfs, auch Hin- und Herziehung des Kesselhakens, sich danach auf der gewöhnlichen Stuben auf einen Stuhl gesetzet.

Die "thugendreiche Frawe" Anna, geb. von Wechsungen, zweimal "verlassene Wittibe"Und ist danach bemeldter David Koch mit mir und denen hernach benannten glaubwürdigen Zeugen in einen Garten, den Schmiedegarten genannt (jetzt Oberdorf 7 u.9, Marzahn und Golla) gewandert, daselbst besagter David Koch einen erdenen Klumpen gegraben und ihn zur Ergreifung des Besitzes in die Höhe geworfen, wie dann auch ferner auf einem Stükke Landes hinter obbemeldeten Schmiedegarten, hart an des Pastors Lande gelegen, geschehen ist.

Weiter sind wir den Berg hinan zu dem Holz, der Ostberg genannt. (jetzt Tuchtberg) gegangen, daselbst obgenannter David Koch hart vorn im Ostberg ein Loch in eine Fichte und etliche Späne daraus mit einer Barte gehauen mit nochmaliger öffentlicher Anzeigung, daß er dadurch gleichergestalt vorbenannter Witwen und derselben unmündigen Kindern zum Besten und zu Behuf ihres Rechtes nicht allein daselbige Holz, sondern alles, was sonsten mehr zu obgemeldeten adligen Sitze an Zugehörigkeiten, wie auch alles, was zu dem Erbe gehörig sei an Gärten, Ländereien, Wiesen und Kämpen, samt alle denselben, was Ihr, der Witwen, an Lehen und Erbe zur Leibzucht und Morgengabe verschrieben.

Desgleichen in dem Garten im vorbemeldeten Dorfe, der Tünneckenhof genannt, (jetzt Kirchweg Nr.1, Hölscher) daselbst obgedachter David Koch in meiner, des Notarien Gegenwart, abermals einen Span aus dem Pfortenständer gehauen und einen Zweig von einem Baum im selben Garten gehauen, und auch einen Klumpen Erde ausgegraben und um sich geworfen, und zu rechten Besitz apprehendirt (ergriffen).

Dieser ganze Vorgang wurde von dem Notarius Johannes Eggerdes aus Einbeck "zu glaubwürdiger und beständiger Urkund gebracht".

Den "edlen und ehrenfesten" Junker Simon v. Grone kann man heute noch sehen. In der Kirche an der Ostwand rechts ist er in Lebensgröße dargestellt. Seine Witwe hat dann fünf Jahre später den Vetter ihres ersten Mannes, Georg von Grone, geheiratet. Aber auch er starb bereits 1626, so daß die leidgeprüfte abermalige Witwe sich entschloß, an höherer Stelle vorstellig zu werden und zwei Bilder mit entsprechendem Text am Altar der Kirche anbringen ließ.